Die Vermessung der Dinge. Geometrische-mimetische Aspekte in Erwin Heerichs Werk

in: Erwin Heerich, Akademie-Galerie – Die Neue Sammlung, Düsseldorf 2007

Erwin Heerich besaß eine Sammlung von Versteinerungen, Schneckenhäusern und Pyrithen. Er verwahrte Fruchtständer tropischer Pflanzen und Humpty-Dumpyties, englische Spielzeugtiere, sowie Scharniere oder eine grosse Glühbirne, um das Zusammenspiel von Natur- und Kunstform zu studieren und exemplarisch belegbar zu machen. Die Gegenstände dienten einer Schule des Sehens und wurden aus die-sem Grund in seine Sammlung integriert, die wie ein Labor aktiv genutzt wurde. Dabei fällt auf, dass viele dieser Dinge eine Art Symmetrie beinhalteten und/oder sich in ein geometrisches Gefüge ein-ordnen ließen. „Die Geometrie ist nicht in der Wissenschaft erfunden“1 verkündete Heerich im Jahr 1999. Dieser Ausspruch mag in Bezug auf seine Sammlung von Pyrithen nicht verwundern, denn sie zeigen, dass geometrische Körper als Kristallines in der Natur zu finden sind und nicht erst in den mathematischen Aufzeichnungen der Antike. Erwin Heerich verfolgte ‚sein Credo‘2 von Beginn seiner Laufbahn als Künstler. Geometrische und mimetische Aspekte zeigen sich seitdem in seinem Werk.

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Horapollons Hieroglyphica und …Albrecht Dürer und die Künstler der Akademie

in: Dürer und … Künstler der Akademie und Abrecht Dürer, Akademie-Galerie – Die Neue Sammlung, Düsseldorf 2008

In seiner Abhandlung De re aedificatoria trat Leon Battista Alberti dafür ein, dass auf Monumenten und Grabmälern keine Buchstaben, sondern altägyptische Symbole angebracht werden sollten,„denn die Art der Niederschrift, wie sie die Ägypter anwandten, könne in der ganzen Welt von gelehrten Männern, denen allein man die ehrwürdigsten Dinge mitteilen dürfe, leicht ausgelegt werden.“1Zitiert nach Hartwig Altenmüller, Vom Weiterleben ägyptischer Symbole in der abendländischen Kultur, In: Mannheimer Forum 77/78. Ein Panorama der Naturwissenschaft, zusammen-gestellt und redigiert von Hoimar von Ditfurth, Mannheim 1977/78, S. 182–183. Das Credo, dass das ägyptische Symbol als arkanes Wissen für den gebildeten Gelehrten zu verstehen sei, zeigte sich bei Alberti, als er um das Jahr 1450 Matteo de Pasti eine Medaille entwerfen ließ, die als Emblem das altägyptische Auge zeigte.

Traktate, die diese Thematik berührten, gehörten auch in die Schriftensammlung Dürers. Dass Dürer die Zehn Bücher über Architektur (De re aedificaoria) des Leon Battista Alberti kannte, ist mehr oder weniger eindeutig geklärt, jedoch ist es nicht mit Sicherheit bewiesen, ob sich das Werk auch in Dürers Sammlung befand.2Ibid, Kat. Nr. 647, S. 357. Überliefert ist jedoch, dass Dürer Francesco Colonnas Werk Hypnerotomachia Poliphili besaß.3Albrecht Dürer, 1471–1971, Ausst. Kat. Germanisches Nationalmuseum 1971, Kat.-Nr.282, S. 161. Hier wird vermerkt, dass Erasmus Hock das Buch „aus der nachgelassenen Bibliothek Albrecht Dürers erworben“ hatte. Aldus Manutius hatte das Werk in Venedig 1499 in einer Auflage von 500–600 Exemplaren drucken lassen.4Vitruv, übersetzt von August Rohde, Basel 2001, Vorwort, S. 10. Die darin befindlichen 172 Holzschnitte waren von einem unbekannten Künstler angefertigt worden. Von anderen Schriften wird vermutet, dass sie Dürer durch die Vermittlung des Humanisten Willibald Pirckheimers zugänglich waren. Sicher ist, dass es Pirckheimer war, der ihn mit der Hieroglyphica des Horapollon vertraut machte.

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Die Unendlichkeit des Raumes oder die Ikonografie des Fliegens und der Mythologien im Werk von Gerhard Hoehme

in: Gerhard Hoehme. Retrospektive, Akademie-Galerie – Die Neue Sammlung, Düsseldorf 2020

Gerhard Hoehme wurde am 5. Februar 1920 in Greppin bei Bitterfeld geboren. In seinen Biografischen Notizen beschreibt er die Gegend seiner Heimat: »Es ist eine Industriegegend ähnlich der des Ruhrgebietes […]. Über der Stadt Bitterfeld Braunkohlestaub und viel Wasserdampf aus großen Kühltürmen, die das Gesicht der Stadt mehr prägen als die zwei Kirchtürme. Diese Mischung, Braunkohlenstaub, Wasserdampf und Chemiegase, lassen alle Vegetation schon Anfang der 20er Jahre eingehen. Im elterlichen Garten sterben die Obstbäume und die Blumen.«5Gerhard Hoehme, Biografische Notizen I, o.J. [um 1979]. In: Gottfried Boehm und Susanne Rennert (Hrsg.), Gerhard Hoehme. Relationen. Texte, 1952–1987, Köln 2011, S. 34.Hoehme wurde 1939 zum Kriegsdienst eingezogen und zum Piloten und Jagd-flieger ausgebildet. Er gehörte »zu jenen Jahrgängen, nach denen Hitler sofort griff, als er 1939 Deutschland und die Welt in den Krieg zwang«.6Hans Peter Thurn, Notizen zu Werk, Zeit und Person. In: Giuilo Carlo Argan und Hans Peter Thurn, Gerhard Hoehme. Werk und Zeit 1948–1983, Stuttgart und Zürich 1983, S. 17.Hoehme schrieb rückblickend: »Teilnahme am gesamten Krieg in Africa, in Russland (Stalingrad), Griechenland, Reichsvertei-digung. Dadurch Millionen von Flugkilometern. Vom 19. bis zum 24. Lebensjahr am Tage mehr in der Luft als auf der Erde.« Hoehme empfand das Fliegen als »gefähr-liche Freiheit«.7Ebd., S. 19.Seine »visuelle Prägung« wurde »durch die Draufsicht und die Distanz zur Erde« bestimmt.

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Die magischen Quadrate von
Bernd und Hilla Becher – Typografische Aspekte, Motive und Ideen

in: Neues Sehen – Neue Sachlichkeit. Fotografische Positionen in Westfalen vom Bauhaus bis heute, WL-Museumsamt für Westfalen, Münster, 2019

Im Jahre 1928 erschien einer der „ersten Bestseller zum Thema ‚Fotografie‘“8Sontag 1989, S. 209., ein Buch von Albert Renger-Patzsch mit dem Titel „Die Welt ist schön“, ein Standardwerk der Neuen Sachlichkeit. Seine Motive waren die zeitlose Schönheit von Pflanzen, Tieren, Menschen, Landschaft sowie Industrieerzeugnissen und Architektur.9Renger-Patzsch 1928. 1929 veröffentlichte László Moholy-Nagy „Von Material zu Architektur“, das letzte von 14 Bauhaus-Büchern.10Moholy-Nagy 1929. Die Bauhaus-Theoretiker sahen die „Fotografie wie die Architektur als eine Disziplin aus dem Bereich der Konstruktion – schöpferisch, aber unpersönlich, unbelastet von Eitelkeiten“.11Sontag 1989, S. 206. Bereits 1926 erschien das Buch „Amerika. Bilderbuch eines Architekten“ von Erich Mendelsohn „mit 77 Photographischen Aufnahmen des Verfassers“. Erich Mendelsohn zeigt im „breiten Querschnitt“ als „typisch amerikanisch“ fotografische Bilder von New York mit Brooklyn-Bridge und Wolkenkratzer sowie Getreidesilos in Chicago und Buffalo12Mendelsohn 1926., die zu den Vorbildern von Bernd und Hilla Becher gehören. In der Nachfolge der modernen Ästhetik der Neuen Sachlichkeit in der Fotografie und des Bauhauses ist das Werk von Bernd und Hilla Becher zu sehen.

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